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Am liebsten gut!!!

 Nachdenklich sitzt Alwin Neddermann mir Gegenüber auf der Couch und erzählt von seinem Leben. Eine Geschichte, die längst zu Ende wäre, hätten seine beiden Töchter ihm nicht allein dadurch, dass es sie gibt, das Leben gerettet. Sie selbst wissen nichts davon, denn er hatte nie darüber gesprochen. Dankbar und mit Tränen in den Augen denkt er daran zurück.

Es folgen Geschichten aus seiner Kindheit in den Sechzigerjahren, unter anderem:

Schlachtfest

Wenn die Natur sich langsam zur Ruhe begab und der erste Schnee fiel, stand das Schlachtfest an. Alwins Eltern schlachteten jedes Jahr zwei Schweine, eins Anfang Dezember, das Zweite im Februar. bereits Tage vorher war die ganze Familie in Aufruhr. Es wurde geplant, große Mengen Gewürze eingekauft, und alle Töpfe, Mollen in verschiedenen Größen, zwei stabile Schlachttische aus Eichenholz und der große Kupferkessel in der Waschküche geschrubbt. Alles musste keimfrei sauber sein. Am Tag vor dem Schlachtfest backte die Mutter im Backhaus große Bleche Zuckerkuchen. Nach dem Abendbrot wurde die Küche leergeräumt und einer von den beiden Tischen hineingestellt. Der Zweite stand bis zum nächsten Morgen in der Waschküche. Da der Schlachter im Ort wohnte, wurde am Abend, nachdem alles vorbereitet war, mit einem Handwagen das Schlachtzeug von ihm geholt. Dabei handelte es sich um einen großen Brühtrog, das Fleischerbeil, viele verschiedene Messer, Wätzstein zum Messer schärfen, Bolzenschussapparat, Fleischhaken, Fleischwolf und Wurstpresse, mit welcher die Wurstmasse in die Därme gefüllt wurde. Schon früh am Morgen wurde in der Waschküche der große Kupferkessel voll Wasser laufen lassen und mit dem unter dem Kessel befindlichen Ofen eingeheizt. Im laufe des Tages wurde viel heißes Wasser gebraucht. Bevor der Schlachter kam, wurde der zweite Waschtisch nach draußen auf die Einfahrt vor der Scheune gestellt. Die größten Mollen kamen darauf, dann konnte das Schlachtfest beginnen.

Dem Schwein wurde ein Strick um das Bein gebunden und auf die Einfahrt vor der Scheune gebracht. Dann kamen Cousin Kurt, der bei jedem Schlachten zum Helfen kam, sowie der Schlachter. Der Vater, Bruder Hartmut und Kurt hielten das Schwein fest und der Schlachter schoss es mit einem Bolzenschussgerät in den Kopf. Das Tier brach sofort Tod zusammen. Jetzt musste alles schnell gehen.Mit einem gezielten Schnitt durchtrennte der Schlachter die Halsschlagader. Das herausschießende Blut wurde in einem Eimer aufgefangen und die Oma begann sofort emsig das Blut mit der Hand und anschließend mit einem großen Holzlöffel zu schlagen. Um eine Gerinnung zu verhindern, musste das Blut solange intensiv gerührt werden, bis es absolut kalt war. Anschließend wurde das Schwein in den großen Brühtrog gerollt und mit heißem Wasser übergossen. Die Erwachsenen nahmen sich Borstenschaber, die wegen ihrer speziellen Form Glocken genannt wurden und schrubbten die Haut, bis alle Borsten entfernt waren. Jetzt waren kräftige Männer gefordert, die die Molle mit dem Schwein quer auf den bereitgestellten Schlachttisch hoben. Dann wurde das Schwein aus der Molle auf den Tisch gehievt. Nun wurden mit scharfen Messern die letzten stehengebliebenen Borsten fein säuberlich abrasiert und die Sehnen der Hinterbeine freigeschnitten. Anschließend wurde ein Dreibein über den Tisch aufgestellt. Das waren drei lange Rundhölzer, die am oberen Ende mit einem Bolzen verbunden waren. So hielten die Hölzer zusammen und man konnte sie vor und zurück bewegen. An den beiden äußeren Stangen waren Haken befestigt. Daran wurde das Schwein mit den Hinterpfoten nach oben und dem Kopf nach unten zur Weiterverarbeitung aufgehängt. Das war der Zeitpunkt, wo Alwin in die Küche geschickt wurde, eine Schnapsflasche mit einem Schnapsglas zu holen. Der Vater nahm beides und der Schlachter bekam den Ersten eingeschenkt. Nun kam der Spruch: "Wenn das Schwein am Galgen hängt, wird der Erste eingeschenkt." Dann ging das Glas reihum, von einem Erwachsenen zum anderen. Danach wurde das Schwein aufgeschnitten und die Innereien vorsichtig herausgenommen. Die Eingeweide durften nicht verletzt werden, damit das Fleisch und die Organe nicht mit Kot, Urin oder Galle verschmutzt wurden.

Nachdem alles entnommen war, wurde das Schwein mit dem Schlachtbeil in zwei Hälften geteilt. In der Zwischenzeit kam der Fleischbeschauer. Bevor er mit seiner Arbeit begann, bekam er das Schnapsglas in die Hand gedrückt. Dann untersuchte er die beiden Hälften auf Fadenwürmer und Genusstauglichkeit. Anschließend wurde die erste Hälfte abgenommen und auf den bereitstehenden massiven Schlachttisch gelegt. Die Männer zerlegten die Hälfte für die Weiterverarbeitung fachgerecht in Portionen, während die Frauen die Därme entleerten und in brühenheißem Essigwasser reinigten. Zum Wurstmachen mussten sie rückstandsfrei sauber sein, damit die Wurst nicht schlecht wurde.

Inzwischen kam der Briefträger die Einfahrt herauf. Er wusste genau, wo geschlachtet, oder Geburtstag gefeiert wird. Normalerweise steckte er die Post vorne an der Haustür in den Briefkasten. Wenn geschlachtet wurde, kam er von hinten auf den Hof und überreichte die Post persönlich. War keine Post für die Familie dabei, kam er trotzdem. Er sagte dann, er müsse schauen, ob alles in Ordnung ist. Dann bekam er zwei Schnäpse eingeschenkt und fuhr weiter. Da er in mehreren Orten Post verteilte und immer irgendwo etwas los war, hätte er sein Fahrzeug so manches Mal stehen lassen müssen.

 

 Ihr

Hubert Laspe